Bidirektionales Laden gilt als vielversprechende Technologie für die Energiewende und Elektromobilität. Doch wie funktioniert das genau – und wie alltagstauglich ist es heute wirklich? In diesem Artikel fassen wir den aktuellen Stand kompakt zusammen.

Was ist bidirektionales Laden?

Bidirektionales Laden bedeutet, dass ein Elektroauto nicht nur Strom laden, sondern auch wieder abgeben kann. Der Stromfluss ist also „in beide Richtungen“ möglich. Je nach Anwendung unterscheidet man drei Varianten:

  • Vehicle-to-Home (V2H): Das Fahrzeug versorgt das eigene Haus mit Strom.

  • Vehicle-to-Grid (V2G): Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist – z. B. zur Netzstabilisierung.

  • Vehicle-to-Load (V2L): Das Auto versorgt externe Geräte direkt – etwa beim Camping oder auf der Baustelle.

Richtig umgesetzt, kann diese Technologie zur Netzentlastung beitragen, Solarstrom besser nutzbar machen und sogar Stromkosten senken. Die Realität sieht aktuell aber noch anders aus.

Wo stehen wir heute?

Zwar werben manche Wallbox-Hersteller mit dem Label „BiDi Ready“, also „bereit für bidirektionales Laden“. In der Praxis heißt das meist nur, dass die Wallbox mit dem Fahrzeug kommunizieren kann – nicht, dass sie Strom vom Auto zurück ins Hausnetz leiten kann.

Der Status quo:

  • Technisch möglich, aber nur mit Einschränkungen.

  • ⚠️ Fast ausschließlich über DC-Ladung: Bidirektionales Laden funktioniert heute meist nur mit teuren DC-Wallboxen (3.000–5.000 €).

  • ⚠️ Begrenzte Fahrzeugauswahl: Nur wenige Modelle unterstützen die Rückspeisung überhaupt. Teilweise sind sie auf wenige tausend kWh Entladung beschränkt.

  • ⚠️ Systemverluste: Bereits im Standby verbrauchen Auto und Peripherie (Wechselrichter etc.) zusammen bis zu 400–500 W – oft mehr als der Haushalts-Grundbedarf.

V2L – heute schon nutzbar

Ein praktischer Sonderfall ist Vehicle-to-Load (V2L): Viele aktuelle Fahrzeuge (z. B. Hyundai Ioniq 5, Kia EV6) bieten heute schon die Möglichkeit, über einen externen Anschluss 230 V für Geräte bereitzustellen.

Typische Anwendungen:

  • Camping: Strom für Kaffeemaschine, Kochplatte oder Kühlschrank.

  • Baustellen: Werkzeuge ohne separate Stromquelle betreiben.

  • Notfälle: Haushaltsgeräte bei Stromausfall überbrücken.

Vorteil: Keine Netzintegration nötig, keine zusätzlichen Steuergeräte – sofort nutzbar, wenn das Fahrzeug V2L unterstützt.

Wann wird bidirektionales Laden im Alltag nutzbar?

Trotz technischer Machbarkeit ist bidirektionales Laden derzeit kaum wirtschaftlich sinnvoll für Privathaushalte. Gründe dafür:

  • Hohe Kosten für DC-Ladetechnik und Steuerungssysteme.

  • Zusätzliche Hardware nötig, um Stromverbrauch im Haus zu erfassen und Lade-/Entladeströme präzise zu steuern.

  • Fehlende Standardisierung: Sowohl auf technischer als auch regulatorischer Ebene gibt es noch viele offene Fragen.

Ein flächendeckender Einsatz im Privatbereich ist frühestens in 4–6 Jahren realistisch – sofern sich Technologie, Preise und Rahmenbedingungen weiterentwickeln.

Für wen lohnt sich bidirektionales Laden?

Aktuell profitieren vor allem Unternehmen und gewerbliche Nutzer mit großem Energiebedarf:

  • Spitzenlast-Management: Strom aus den Fahrzeugen puffert Lastspitzen bei Maschinenstarts.

  • Quartierskonzepte mit V2G: Langfristig könnten Fahrzeuge Energie ins Netz einspeisen – die Abrechnung solcher Systeme ist jedoch heute noch kaum praxistauglich.

Bidirektionales Laden bietet großes Potenzial – aber für die breite Anwendung ist es noch zu früh. Wer eine neue PV-Anlage oder Wallbox plant, kann bereits heute auf offene Schnittstellen und zukünftige Kompatibilität achten. Besonders V2L ist bereits heute ein praktischer Mehrwert.

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